Ist Vanlife denn wirklich so geil wie es aussieht oder nur Möchtegern-Hippie-Getue?

Ganz nach der legendären und tiefsinnigen Strophe von H.P. Baxxter „HYPER HYPER!“ geht der ganze Hype um das Reisen und Leben im eigenen Auto aktuell ganz schön durch die Decke. Jeder zweite Surfer oder Outdoor-Affine Mensch scheint mit seiner Karre nicht nur zum nächst gelegenen Spot zu fahren, sondern anschließend auch darin zu kochen und zu schlafen. Natürlich nicht ohne das Ganze mehrmals auf Instagram, Facebook,Snapchat oder sonst wo für die Öffentlichkeit zu dokumentieren.

Auch ich habe vergangenen Sommer 3 ½ Monate auf einem Campingplatz in Frankreich in meinem Ford Galaxy gelebt und frage mich: Was veranlasst eigentlich immer mehr Menschen dazu, ihre schlichten 2-Zimmer Wohnungen gegen eine solche zu tauschen, die gerade mal Platz für ein Bett und vielleicht noch einen kleine Küchenzeile, dafür aber vier Reifen (im besten Fall) und ein Lenkrad hat?

Ich denke für viele beginnen die ersten Gedanken über ein Leben im Auto mit der Entscheidung, seinen Alltag, zumindest für einen vorübergehenden Zeitraum, etwas umzuschichten und zu verändern. In Deutschland gibt es eben nur allzu selten schöne 3-4 Fuß Offshore Wasserwalzen, was bleibt einem also um seinem Hobby zu frönen groß anderes übrig als die eigene Karre? Wohnungen in wellengesegneten Regionen sind meist teuer oder dann doch wieder zu weit weg vom Meer. Und gegenüber einem Zelt sind doch die allermeisten fahrbaren Untersätze ein deutliches Upgrade.

Fotocredit: Tim Trad

Wirklich schwer ist es auch nicht, sein Auto zu einem Schlafplatz umzubauen. Hier und da mal was vermessen, da ein bisschen Holz zusammengeschraubt, Matratze drauf, fertig. Klar kann man gut und gerne mehre Monate in die Optimierung seines Möchtegern-Wohnmobiles stecken, aber der Basis-Aufbau ist schnell erledigt. Dann noch fix das geliebte Brett gut auf dem Dach verschnürt, ein paar essentielle Dinge zusammengesucht und ab geht die Lutzi. Doch da haben wir es schon mit dem ersten Problemchen zu tun. Für mehr als noch einen Mitfahrer habt ihr meist jetzt keinen Platz mehr und auch euer Gepäck muss noch irgendwo sinnvoll in der fahrenden Wohnung verstaut werden. Dass bedeutet in jedem Fall nur das Nötigste mitnehmen, und dieser ungewollte (oder doch gewollte?) Minimalismus wird euch von nun an auf Schritt und Tritt begleiten. Gerade kochen kann da richtig anstrengend werden. Gutes Essen auf einem kleinen Kartuschen-Gaskocher neben dem Auto zu zaubern ist eine Meisterleistung und auch wer den Luxus einer kleinen Küchenzeile hat wird sich sehr schnell der ganzen Einschränkungen bewusst werden.

Wer damit keine Probleme hat könnte sich dann vielleicht an den mangelnden Hygienemöglichkeiten stoßen. Was auf einem Campingplatz noch einfach ist, kann beim Wildcampen irgendwann wirklich lästig werden. In solchen Situationen wird einem erst einmal wieder bewusst, wie abhängig wir Menschen von unserer Umwelt sind. Oder konkreter, wie viel Wasser wir alleine am Tag für kochen und waschen verbrauchen. Ist ja per se nichts schlechtes, sich über so etwas bewusst zu werden, aber wenn man mehrmals am Tag seinen kleinen 5 Liter Wassertank auffüllen muss, weiß man den Luxus von fließendem Wasser zum ersten Mal wirklich zu schätzen. Auch hier heißt es also, reduzieren und bescheiden sein.

Fotocredit: StockSnap

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Immer noch voll motiviert? Will euch ja auch keiner ausreden. Man sollte sich jedoch im Vorhinein klarmachen, was so ein Vorhaben wirklich bedeutet. Dass es zudem ziemlich eng werden wird an den regnerischen und kalten Tagen. Dass Wildcampen nicht überall gerne gesehen ist, schon gar nicht direkt an einem Traumstrand, mit den Wellen direkt vor der Nase. Dass Pannen, Einbrüche oder sonstige Stolpersteine auch immer zu dieser Art von Abenteuer dazugehören. Und dass ihr viel Zeit mit Dingen verbringen werdet, die euch daheim um einiges schneller von der Hand gehen würden.

Wie ihr seht, gewinnt man bei der ganzen Vanlife-Geschichte viel, muss allerdings auch einiges dafür opfern. Wer damit kein Problem hat, bitteschön, auf was wartet ihr? Aber bitte tut mir einen Gefallen und verbringt eure gewonnene Freiheit mehr außerhalb der Karre, wo immer ihr gerade auch sein mögt, und weniger in oder um euer Gefährt herum, um euer Abenteuer Social-Media-mäßig möglichst eindrucksvoll in Szene zu setzen. Danke!

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