Ein Bilderbuch-Sonntag auf der Wasserski-Anlage in Aschheim bei München. Bruno Rixen hat seinen Monoski geschultert, in der rechten Hand trägt er in einer Tasche den Neoprenanzug und seine Schwimmweste. Rixen fällt auf – er ist mit Abstand der älteste aktive Besucher hier. Um ihn herum vor allem Familien mit Kindern und braungebrannte Wakeboarder, mit von der Sonne ausgebleichten Haaren, bunten Bikinis und lässigen Boardshorts. Viele von ihnen kennen Bruno Rixen und begrüßen ihn persönlich. Einer nennt ihn den „Gott der Wakeboard-Anlagen.

Der Deutsche Wasserski- und Wakeboard-Verband sagt, dass der Sport ohne Bruno Rixen nie das geworden wäre, was er heute ist. Rixen ist der Erfinder der Wasserski-Seilbahn. Eine der ersten, die er verkauft hat, steht in Aschheim. Eine 5-Mast-Anlage, die bis zu neun Fahrer gleichzeitig übers Wasser ziehen kann. Dass solche Wasserski-Seilbahnen überhaupt funktionieren können, daran will am Anfang niemand glauben. Bruno Rixen bekommt in den 60er Jahren erst mal keine Genehmigung für seinen Prototypen vom TÜV. „Die haben geschrieben: Das kann nicht gehen. Die konnten das überhaupt nicht verstehen, das war eine andere Welt. Wir haben die Anlage trotzdem aufgebaut, ohne TÜV. Dann lief die vier Wochen und dann kamen zwei Polizisten und haben sie stillgelegt. Wir hatten ja keine Genehmigung. Aber Bruno Rixen war schon immer Kämpfer und Optimist. Er setzt sich gerichtlich durch, bekommt seine Genehmigung doch und gründet seine Firma für Wasserski-Seilbahnen.  Auch heute, fast 60 Jahre später, fährt er noch selbst. Seine Leidenschaft gilt dem Monoski. Von seinen inzwischen 86 Jahren lässt er sich nicht abhalten:„Das fördert die Gesundheit. Ganz sicher. Und außerdem: Was soll passieren? Was soll mir denn noch passieren?“

© Bruno Rixen

Wasserski – Liebe auf den ersten Blick

Bruno Rixens Liebe zum Wasserski war eine auf den ersten Blick. Die erste Begegnung mit dem Sport hat er Ende der 50er Jahre im Urlaub. Voller Begeisterung lässt er sich in den Niederlanden von einem Boot über den See ziehen. Zurück zu Hause in Groß Buchwald in Schleswig-Holstein dann die Ernüchterung. Ein eigenes Boot ist viel zu teuer. Also beschließt er, sich eine eigene Seilbahn zu bauen. Kein einfacher Plan für einen jungen Uni-Absolventen ohne finanzielle Mittel. „Das Geld war alle mit dem Studium. Ziemlich alle. Also habe ich alles zusammengesucht. Das Seil habe ich mir geliehen von einem Bekannten. Masten brauchte ich nicht – ich habe einfach den Förster gefragt, ob ich die Umlenkrollen an den Bäume festmachen kann. Da habe ich drei Mark für bezahlt. Dann habe ich die ersten Umlenkräder aus Holz zum Teil gemacht. Und zum Teil vom Mähdrescher meines Bruders abgebaut.“ 

Bruno Rixen nimmt sich zwei Wochen Urlaub, zimmert sich ein paar Wasserski aus Holz zusammen und ist auch beim Antrieb des Seilbahn-Prototypen erfinderisch. Unter anderem kommen eine alte Flachsraufe und eine Isetta zum Einsatz.  Als die abenteuerlich klingende Konstruktion zusammengebaut ist, kommen viele Schaulustige an den See in Rixens Heimatort. Sie wollen miterleben, wie sich Bruno Rixen im Jahr 1960 zum ersten Mal aufs Wasser ziehen lässt. Ein heftiger Ruck, dann gleitet er über den See. Bis zum Ende der Bahn geht es gut, doch in der Kurve wird das Seil auf einmal erst schlaff und dann fährt ein schmerzhafter Ruck durch Rixens Arme. „Ich hatte ja noch Fahrt. 30 km/H. Und dann gab es Schlaffseil. Den Begriff kannte ich gar nicht. Und da war ich auch nicht drauf gefasst, dass es Schlaffseil geben kann,wenn es um die Ecke geht. Ich habe festgehalten und dann hat es mich ins Schilf geschleudert. Und dann stand ich im Schilf und dachte: „Das geht alles nicht, man kann nicht um die Ecken fahren.“

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© Bruno Rixen

Tüfteln statt Tanzen

Ingenieurskollegen wollen ihm sein Vorhaben als unmöglich ausreden. Auch in seinem Heimatort glaubt kaum einer daran, dass Rixens Idee einer Wasserskiseilbahn funktionieren kann. Rixen lässt sich davon nicht unterkriegen. Er vergräbt sich in seinem Arbeitszimmer. Die Frage, wie er auf der Bahn eine Kurve fahren kann, ohne, dass die Leine durchhängt, lässt den studierten Maschinenbauer nicht mehr los. Bruno Rixen lacht, wenn er daran zurückdenkt, wie er sich den Kopf zerbrochen hat.  Die ganze Bahn habe ich mit dem Rechenschieber gemacht. Und den hatte ich immer bei mir, zusammen mit einem Kugelschreiber. Auch beim Tanzen. Also ich hab mich da schon mehr um die Sache gekümmert, als um die Damen, die da rund herum waren.“ 

Tage- und nächtelang rechnet und zeichnet er – dann kommt ihm die Idee. Anstatt unter dem Seil muss der Wasserski-Läufer einen weiten Bogen neben dem Seil fahren, damit die Kurve klappt. „Probleme lösen sich nicht von allein. Man muss sie bewegen. Irgendwann kommt eine Lösung, daran muss man auch glauben. Das ist das positive Denken. Das zieht das positive an.“ Schwieriger zu lösen ist das Problem mit dem unsanften Start. Es dauert ein gutes halbes Jahr, bis Rixen auch hierfür eine Lösung findet. Statt direkt unter dem Umlaufseil startet er seitlich von der Seilbahn, im rechten Winkel. So bekommt er gleichzeitig Zug nach vorne und zur Seite, sodass er sanfter beschleunigt.

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© Bruno Rixen

Wasserski als lebenslange Leidenschaft

Bis heute wird so an den Anlagen gestartet. Und bis heute hat Bruno Rixen immer einen Stift und sein Notizbuch dabei, um ja keine Idee wieder zu verlieren. Jedes Mal, wenn er eine seiner Bahnen irgendwo auf der Welt besucht, macht er sich seitenweise Notizen mit Verbesserungsvorschlägen. Er zeigt die filigranen Zeichnungen mit den Erklärungen, die in enger Schrift daneben stehen. Es gibt vermutlich wenige Menschen, die ein ganzes Leben lang so sehr für eine Idee brennen, wie Bruno Rixen für seine Wasserski-Seilbahnen. In jedem Wort und jedem Bleistift-Strich steckt eine beeindruckende Leidenschaft. Mit dieser Leidenschaft hat Bruno Rixen „Rixen Cableways“ zum Weltmarktführer gemacht. Seit der Firmengründung im Jahr 1961 hat die Firma Wasserski-Seilbahnen in 45 Länder auf sechs Kontinenten verkauft: nach Australien, Singapur und Südkorea – genauso wie nach Brasilien, Marokko oder in die USA. Die meisten Anlagen gibt es aber in Europa, in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel in Langenfeld, Wachtendonk oder Duisburg. Alle diese Anlagen werden in Bergkirchen zusammengebaut. In dem kleinen Ort in der Nähe von Dachau in Bayern hat Rixen eine große Halle mit Kran, Fertigungsmaschinen und einem großen Ersatzteil-Lager voll mit Seilen, Schrauben und Umlenkrollen – immer versandbereit, falls es mal irgendwo eine Panne gibt. Rixen ist es wichtig, dass die Betreiber der Anlagen so wenig Betriebszeit wie möglich verlieren: Die Seilbahn muss einfach laufen. Und das hängt sehr viel von diesem Lager ab. Und wenn sie heute von Köln aus hier ein Teil bestellen, dann ist das morgen da.“

Das Glück der Wakeboarder

An der Wasserski-Anlage Aschheim ist inzwischen ein Gewitter im Anmarsch. Bruno Rixen lässt sich davon aber nicht beeindrucken. Souverän fährt er seine Runden auf dem Monoski. Als er aussteigt, glänzen seine Augen wie die eines kleinen Jungen. Ein Wakeboarder in einem bunten Neoprenanzug klettert zusammen mit Rixen aus dem Wasser und versucht dabei begeistert, ihm die Hand zu schütteln:„Das ist toll, das ist ne echte Dankbarkeit. Das ist auch schwer irgendwie aufzuwiegen. Das ist so wie man dem Weihnachtsmann dankbar ist. Für viel Glück im Leben.“ Rixen lächelt und wirkt fast ein wenig verlegen.  „Ich hab das ja erst nur für mich gemacht und dann habe ich gemerkt, dass andere auch viel Spaß haben. Das Geld hat nicht die größte Rolle gespielt, sondern der Sport stand darüber. Auch heute noch. Man ist dem Sport zu sehr verbunden.“  Für sein Lebenswerk hat Bruno Rixen das Bundesverdienstkreuz bekommen. Eigentlich hätte er sich längst zur Ruhe setzen können. Aber wer ihn kennengelernt hat, weiß, dass das für ihn keine Option ist. Zu viele neue Ideen schwirren durch seinen Kopf. Zum Beispiel die, wie sich die Technik der Wasserski-Anlage auf den Alltag übertragen lässt. Wie wäre es, wenn Passagiere in einen Zug steigen könnten, ohne dass der dafür anhalten muss? Rixen zückt schnell wieder sein Notizbuch. Schwierige Fragen lösen sich schließlich nicht von alleine!

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