Surfen in Italien, klar geht das.

Sicher ist Surfen nicht das Erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man an Italien denkt. Wenn man aber so weit weg vom Meer wohnt, von Bergen umrandet ist und die nächstgelegene Küste die italienische ist, kann man schon mal auf die Idee kommen sich dort auf die Suche nach surfbarem zu machen.

Sicher ist auch, dass es ziemlich kalt werden wird beim Surfen im Norden Italiens. In Innsbruck ist der Winter nämlich schon in vollem Gange. Natürlich hat aufgrund von möglichem Powder auch keiner Lust mit mir bei 6 Grad Außentemperatur Surfen zu gehen. Verstehe ich, und fahre allein über die schneebedeckte Brenner-Autobahn nach Ligurien. Fünf Stunden und dreißig Minuten dauert es, bis ich endlich am Meer bin. Mitten in der Nacht. Somit nächtige ich, nach einem kurzen Wellencheck im Dunkeln, in meinem Schlafsack im Skoda Fabia. Am nächsten Morgen um 6 Uhr sehe ich direkt durch meine Windschutzscheibe die Wellen. Traumhaft. Es ist groß, ca. 6-8 Fuß und dementsprechend sieht der Beachbreak in Levanto auch aus. Ein close out jagt das nächste. Ich kann mich trotzdem kaum still halten und hüpfe in aller früh den Strand entlang, bis ans Ende der Bucht, wo die Wellen schon deutlich kleiner werden. Nach und nach treffen mehr Surfer ein. Zwei Schweizer, zwei Holländer und zwei Italiener. Die Schweiz und auch Holland kämpfen sich ins Line up. Dort angekommen passiert… erstmal nichts. Ein Rückzug nach dem anderen. Kein Wunder, hier läuft kaum etwas surfbares durch. Die zwei Italiener haben als Zuschauer genau so viel Spaß, den Kampf zwischen Natur, der Schweiz und Holland zu verfolgen, wie ich. Also schließen wir uns zusammen. Camilo, Mauro und ich, alle brauchen wir Kaffee um die gebotene Show in vollen Zügen genießen zu können. Wir holen uns also drei Cappuccino, setzen uns auf die Steinbänke an der Promenade und genießen. Knapp eine Stunde verbringen wir damit, den beiden Holländern und den schweizer Surfern bei zahlreichen Wipe Outs zuzusehen. Reges kommentieren und wildes Gestikulieren ist natürlich inklusive! Auf „Italo-english“ könnte man sagen. Der ein oder andere ‚inbetweener‘ ist dann doch dabei und zumindest die beiden Schweizer gehen nicht ganz leer aus. Der Cappuccino allerdings ist jetzt leer. Zeit also, nach Wellen zu suchen. Mittlerweile ist klar, dass wir das gemeinsam machen. Mauro telefoniert mit den italienischen Surf-Kollegen und holt Spot-Berichte ein und fährt vor. Wie er zwei Surfboards in seinem kleinen blauen Fiat Panda unterbringen konnte, ist mir ein Rätsel, aber es scheint zu funktionieren. Camilo düst im Renault Clio hinterher und auch er hat zwei Surfboards quer durch sein Auto liegen, von Kofferraum bis Beifahrertür. Sehr wahrscheinlich fährt deshalb auch jeder selbst. „10 Minutes“, sagt Camilo, sind es zum nächstgelegenen Spot. Tatsächlich heizen wir aber 45 Minuten über enge Bergstraßen, steile Hänge hinunter und einspurige Tunnel entlang, bis wir am besagten Spot ankommen. Keine Menschenseele. Ich muss Camilo und Mauro versprechen den Spot für mich zu behalten. Verständlich. Peeling Lefts! Wall after Wall. Sowas kenne ich eigentlich nur aus Indonesien. Aber wir sind in Italien! BELLA ITALIA!!! Wir starten ins Wasser. Dass das eine der besten Sessions der letzten Monate war, muss ich kaum erwähnen. Zu dritt im Line up, bei perfekten Conditions, wann bzw. wo gibt´s das schon oder vielmehr überhaupt? Schon die Tatsache, dass das Mittelmeer überhaupt Wellen feuert ist unglaublich. Und da der Swell eine relativ solide Größe hat, läuft sicher auch mein lieblings-Break: Varazze!

Los geht´s. „Ciao, Arrivederci amiga“ oder sowas in der Art rufen mir meine beiden italienischen Surf-Amigos zu und weiter geht meine Fahrt nach Varazze. Viel besser kann es eigentlich schon gar nicht mehr werden, denke ich auf der erneut 45-minütigen Fahrt – bis ich dann ankomme. Eine entspannte Set-Größe von knappen 6 Fuß und perfekte A-Frame-förmige Wellen. Barrels auf der rechten, Fun Wall auf der linken und die Crowd hält sich für Varazze’s Verhältnisse in Grenzen. 10 Leute kann ich im Line up erkennen. Da muss ich nicht lange überlegen und starte die zweite Session des Tages! 4 Stunden! Dank meinem Wetsuit (5.4mm von Ripcurl, Model Flashbomb) ist das erstaunlicher Weise selbst für mich warmwasser Surfer und Bikini-Lover kein Problem. Denn auf der 1-stündigen Fahrt vom Spot, dessen Namen und Ort ich ja nicht nennen darf, bis nach Varazze ist er fast vollständig getrocknet – im Auto! Im Line up sind ausschließlich Italiener. Es ist faszinierend, wie viel Geschnatter hier zu Gange ist. Alle haben sich unfassbar viel zu erzählen! Würde man hier vom Schlauchboot aus Cappuccinos verkaufen, man würde reich werden. Aber auch ich surfe lieber, als dem Geschäftssinn nach zu gehen.

Abends schaffe ich es gerade noch meinen Wetsuit aus und trockene Sachen anzuziehen, bevor ich in 10 Stunden tiefsten Schlaf falle. Am nächsten Morgen (Samstag) ist das Line up voll und der Swell hat noch einmal angezogen. Jetzt sitzen 37 Italiener im Wasser. Den Gesprächen kann man fast vom Strand aus lauschen. Ich mach das aber trotzdem lieber in den Wellen. Anfangs kein Leichtes als einziges Mädchen gegen 37 (ich meine das keinsten Falls negativ) ‚Machos‘ anzupaddeln. Es nicht wenigstens zu versuchen ist aber auch keine Lösung und die Italiener zeigen sich nach meiner ersten Welle tatsächlich als großzügige Gentlemen. Zwei italienische Pro´s fallen mit ihrer Air-show besonders auf. Und dann bekomme ich weibliche Unterstützung. Valle, die Freundin einer der Pro´s und Serena, Surfshop-Besitzerin aus Genua, paddeln ins Line up. Und auch bei 40 Leuten auf einem Peak herrscht Ordnung und Zusammenhalt. Jeder hat Spaß, lässt dem anderen Wellen und respektiert sich. Jeder will einfach surfen. Valle, Serena und ich haben uns unseren eigenen kleinen Peak gesucht an dem wir uns mit den Wellen abwechseln.

Nach ausgiebigem Mittagessen (vorzügliche Spaghetti Frutti di mare) und ein wenig Erholung, schlüpfe ich dann wieder in meinen trockenen (!) Flashbomb Neo von Ripcurl. Und das ist wirklich viel wert bei 8 Grad Außentemperatur! Neben mir parkt ein silberner Van, mit Innsbrucker Kennzeichen. Zwei Mädels steigen aus, eine mit Surfboard. Sie erkundigt sich bei mir auf englisch, wo man am besten bzw. schnellsten ins Line up paddelt. Ich antworte auf deutsch und im Line up führen wir unsere Konversation weiter. Isabell ist genauso surfverrückt wie ich und reist mit einer Freundin und ihrem Hund im Van die italienische Küste entlang. Bei einem heißen Tee aus dem Camping-Kocher erzählt sie mir, dass sie demnächst weiter nach Frankreich fährt. Ich bin einmal mehr absolut fasziniert von den vielen tollen Charakteren, die man in zwei Tagen Mini-Surftrip kennenlernen kann und trete am Ende des Tages wehmütig die Rückfahrt nach Innsbruck an. Schon am nächsten Morgen sitze ich wieder in der Uni, und anstatt den Präsentationen zu lauschen, durchforste ich sämtliche Wetterkarten im Internet nach neuen Stürmen und möglichem Swell. Bald geht´s wieder weiter. Die nächsten zwei Wochen muss ich mich allerdings noch mit Bergen und Schnee trösten. Snowboarden ist ja auch schön.

Photo credit: Christine Lüdecke, Janine Reith

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