Aussteiger- und Wiederheimkommerin Susann Lindner im Interview

Susann „Susi“ Lindner hat sich zusammen mit ihrem Freund Manu in den letzten Monaten den Traum aller deutschen Surfer erfüllt und die vergangenen drei Jahreszeiten an der französischen Atlantikküste verbracht. Einfach mal so. Dass wirft für mich ein paar Fragen auf und deshalb hab ich mir kurzerhand Susi geschnappt, um mir diese von ihr persönlich beantworten zu lassen!

Moin Susi, freut mich dass du Lust und Zeit für ein kleines Interview mit mir hast! Ich muss sagen ich war ziemlich überrascht als ich gehört habe, dass du zusammen mit Manu nach dem Sommer noch weiter in Frankreich bleiben wirst. War das Ganze für euch denn so spontan wie es für mich den Anschein hatte?

Ja und Nein. Wir haben die vergangenen acht Jahre unseren Sommer immer in Frankreich verbracht und dabei ist der Traum von einem Leben in Frankreich immer im Kopf herumgespukt. Wir lieben die Gegend, die (weltschönste) Sprache, die Natur und natürlich die Wellen. Aber so wirklich einen Plan gemacht, wie wir denn dort ein Leben aufbauen könnten, haben wir nie. Ich habe im Sommer meinen Job in Deutschland nach drei wirklich intensiven Jahren aufgegeben und wollte mir eigentlich nur eine 2-monatige Auszeit am Meer gönnen und surfen, während Manu im Camp als Surflehrer arbeitet. Über einen ehemaligen Kollegen habe ich dann von einer freien Stelle bei Element erfahren und mich einfach mal beworben. Nach drei Interviews hatte ich dann tatsächlich den Job und auf einmal war er da, der Plan dort zu leben.

Aber erst nochmal zu den grundsätzlichen Dingen: Wo habt ihr in der Zeit gewohnt und wo gearbeitet?

Fotocredit: Susann Lindner

Fotocredit: Susann Lindner

Das ist eine lustige Geschichte. Jeden Sommer sind wir in Seignosse durch eine Straße gefahren, die zum Strand „Les Estagnots“ führt und wir haben immer gesagt „Wenn wir einen Traum hätten irgendwo zu wohnen, dann genau hier in dieser Straße, in einem dieser schönen Häuser an diesem kleinen Platz – dem Place du Soleil“. Genau da haben wir dann auch gewohnt und so schön wie der Name schon klingt, ist es da auch. In dem Haus sind schon einige deutsche Surfer vor uns gewesen, da Christian, der aus Norwegen stammt und auch in Frankreich lebt, das Haus auch über Airbnb vermietet.

Gearbeitet habe ich dann in Soorts-Hossegor bei Element als PR- und Communications Manager in Elternzeitvertretung für vier Monate und Manu hat fleißig an seiner Masterarbeit geschrieben, wenn er nicht gerade surfen war.

Und was habt ihr zwischen im Atlantik plantschen und arbeiten sonst so getrieben?

Fotocredit: Susann Lindner

Fotocredit: Susann Lindner

Wenn es keine surfbaren Wellen gab, waren wir dennoch oft am Strand und haben ihn versucht von Plastikmüll zu befreien. Oder auch Muscheln und Treibholz gesammelt um später daraus mit Freunden etwas schönes zu basteln. Die liebe Mädels Crew um Steffi, die auch schon seit zwei Jahren in Seignosse lebt und arbeitet, hat uns inspiriert und gezeigt, wie man sogenannten „Klimbims“ bastelt oder z.B. die erste eigene Boardsocke näht. Außerdem gab es unzählige Pancakes-Sessions, Pizza-Abende oder Quassel-Stunden. Das Schöne an dem Leben dort ist, dass man sich viel mehr mit der Natur und miteinander beschäftigt und kreativ wird. Das Smartphone liegt weit weg, Shopping wird völlig uninteressant und Konsum generell rückt in den Hintergrund.

 

Frankreich ist zwar alles andere als ein unbekanntes Land für euch beide, aber gab es dennoch ein paar kulturelle Unterschiede, die euch in der Zeit dort unten begleitet haben?

Zum Glücklichsein reicht den Franzosen Baguette, Marmelade und Kaffee! Nein Spaß, aber gerade da in der ländlichen Region um Hossegor hatte ich das Gefühl, dass man arbeitet um zu leben, nicht anders herum. Das habe ich in Deutschland anders erlebt – da ist das Hauptgesprächsthema die Arbeit, das neue Auto oder andere Statussymbole. Dort am Meer nimmt man ein geringeres Gehalt und eine kleinere Wohnung in Kauf, weil sich die Gedanken tatsächlich um’s Surfen oder Outdoor-Aktivitäten generell drehen. Die Mittagspause von einer Stunde wir akkurat eingehalten oder sogar noch ausgedehnt, wenn die Wellen gut sind. Und abends beeilt man sich pünktlich zu gehen, damit man noch den Sonnenuntergang sehen kann oder Zeit mit der Familie und Freunden verbringt. Achso und man begrüßt sich immer mit zwei Küsschen, auch wenn man sich nicht wirklich kennt – daran mussten wir uns auch gewöhnen.

Jetzt aber mal Tacheles: Ist der Winter in Frankreich denn wellentechnisch so grandios wie man sich es vorstellt? Wie sieht es mit dem Klima aus?

Wir hatten einen wahnsinnig tollen Winter. Bis auf zwei sehr kalte Wochen und einzelne Regentage war das Wetter extrem gut. Im Dezember oder auch Februar gab es Tage, da waren wir in T-Shirt am Strand. Das geht aber auch ganz anders, denn die Mädels vor Ort haben uns immer Angst gemacht, dass es normalerweise zwei Monate lang durchweg stürmt und regnet. Da hatten wir wohl Glück oder Frankreich wollte sich von seiner besten Seite zeigen, damit wir bleiben.
Zum Surfen hat mir den ganzen Winter ein 4/3er Wetsuit gereicht und ich hatte zusätzlich auch nur Boots und keine Handschuhe. Normalerweise sind die Wellen im Winter in Frankreich oft sehr groß und verblasen, weil es eben auch stürmischer ist. Mit dem guten Wetter war aber auch das nicht so wie prophezeit und wir hatten super viele Longboard-Sessions mit perfekten Pointbreak-artigen Wellen. Manu surft ja gern größere Wellen, die auch mal barreln und ich bin Fan von kleinen sanften Susi-Wellen. Für uns hatte Frankreich den perfekten Mix parat und selbst wenn es am Home Spot in Seignosse zu groß war, konnte man 10min entfernt in La Sud oder Capbreton kleinere, saubere Wellen finden. Und das Beste – keine 100 Touristen und Surfschüler im Wasser, sondern oft das Line-up ganz für uns alleine.

Fotocredit: Susann Lindner

Fotocredit: Susann Lindner

Wir hatten in Hinblick auf das Interview schon privat ein bisschen miteinander geschrieben und du hast mir von eurem kleinen Kulturschock erzählt, den ihr hattet als ihr zurück nach Deutschland gekommen seid. Wie genau sah der denn aus?

Haha ja, das war wirklich ein kleiner Schock. Als wir in unsere Heimatstadt Leipzig eingerollt sind, standen wir direkt in einem kleinen Stau an einer Ampel, es wurde (typisch deutsch) wild gehupt und man hat sofort die Anspannung, den Stress und die Aggressionen gemerkt, die in der Luft hingen. Dann ratterte noch die alte Straßenbahn an uns vorbei und Menschen rannten mit gesenktem Blick und Smartphone in der Hand von links nach rechts durch die Straßen. Da haben wir uns angeschaut und gefragt „Warum sind wir nochmal zurückgekommen?“. Aber auch an den vielen Beton, die hohen Häuser und die Menschenströme werden wir uns wieder gewöhnen und dafür haben wir jetzt Freunde und Familie wieder bei uns, was auch ein tolles Gefühl ist.

Ich glaube das war’s auch schon so weit von meiner Seite, viele Dank für deine Zeit und ich hoffe man sieht sich im Sommer auch wieder in den Wellen zwischen Le Pin Sec und Seignosse?

Danke dir für die Gelegenheit mal von dem französischen Winter zu berichten. Und an dieser Stelle wollen wir uns nochmal bei Steffi, Kathrin, Janine, Georg, Franzi & Co. bedanken – sie haben uns den Start in Frankreich mit Bastel- oder Französischkenntnissen so leicht gemacht und waren unsere kleine Familie. Wir sehen uns im Sommer in den Wellen.

Nochmals vielen Dank an Susi für das tolle und aufschlussreiche Interview und ich bin mir sicher, dass man sich schneller im Atlantik sitzend wiedersieht als man denkt!

Wer jetzt immer noch nicht genug von dieser deutsch-französischen Liebesgeschichte hat, dem kann ich wärmstens diesen kleinen Surf-Clip empfehlen, geschnitten und gefilmt von Frau Lindner höchst persönlich!

Credit: Susann Lindner

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