Im Interview mit dem Autor des Surfromans "Im grünen Raum von Saint-Leu"

Peter Lenzyn berichtet in seinem Surfroman „Im grünen Raum von Saint-Leu“ über das Surfen und das Leben auf der Insel La Réunion. Er schreibt über das Glück und die Gefahren, die das Surfen auf der paradiesischen Insel mit sich bringen.

Aloha Peter! Schön, dass du dir Zeit für uns genommen hast. Dein Ich-Erzähler im Roman verbindet das Meer mit der Farbe Schwarz. Er meint, dass es optisch vielleicht blau sei, aber dass das Wesen des Meeres schwarz sei. Das klingt ziemlich negativ für einen Surfer, oder?

Derjenige, der das Meer kennt, hat sich schon einmal dort wiedergefunden, wo alle Farben verschwunden sind, wo die Wellen schwarze Berge sind und Fische als übergroße graue Körper im Wasser liegen. Eine solche Erfahrung macht, wer abends zu lange surft oder mit der Strömung zu weit raustreibt. Der Verlust aller Farben: man denke an einen Sommertag, der abgelöst wird von einem mit schwarzen Wolken aufziehenden Gewitter; der Regen setzt ein, bald knistert die Luft elektrisch – und an die Stelle des farbenfrohen Lebens tritt eine dunkle Angst, die einen dazu drängt, sich in Sicherheit zu bringen. Es ist immer gut, sich gewahr zu werden, dass das Wesen des Meers schwarz ist – es mahnt einen, das Meer nicht zu unterschätzen.

Surfen auf La Réunion_4

In deinem Roman gibt es eine Stelle, an der das Wachs auf der Insel La Réunion, wo das Buch spielt, knapp ist. Die Surfer helfen sich mit Kerzenwachs weiter. Weißt du aus eigener Erfahrung, ob das gut funktioniert und lange hält?

Es hat immer wieder Zeiten auf La Réunion gegeben, zu denen es kein Surfwachs gab. Wir haben uns aushelfen müssen. Kerzenwachs funktioniert wunderbar: man zündet die Kerze an, tropft das Surfbrett mit Wachs ein, bläst die Kerze aus und verreibt die Wachstropfen mit der Schaftseite der Kerze. Mühsam ist eigentlich nur, dass eine Kerze aus wesentlich härterem Wachs besteht und das Einwachsen des Bretts länger dauert. Aber Kerzenwachs hält auch länger.

Surfen auf La Réunion_9

In einer Passage geraten der Erzähler und ein anderer Surfer in eine gefährliche Situation: Ein Surfbrett geht durch eine gerissene Leash verloren und die Beiden treiben immer weiter aufs Meer raus. Letztlich schaffen sie es mit nur einem Brett zurück ans Land. Hast du das selbst einmal erlebt, und wenn ja: was war das für ein Gefühl?

Ich habe Freunde, die ausgesprochen gute Surfer und ausgesprochen schlechte Schwimmer sind – wenn sie überhaupt schwimmen können. Die Erfahrung, einem Surfer, der sein Brett verloren hat, aushelfen zu müssen, haben viele gemacht. Es ist eine Erfahrung, aus der sehr enge Freundschaften erwachsen.

In deinem Roman heißt es einmal, dass die Welle einem „ein kleines Stück Leben nimmt!“ Wie meinst du das?

Wir finden uns in Situationen wieder, die geprägt sind von unserem Willen oder vom Willen anderer. Manchmal gehen wir Kompromisse ein. Die Zahl der Kompromisse kann übermächtig werden – und nicht wenige geben irgendwann einmal zu, sich sowieso bloß nur noch durchs Leben mogeln zu wollen. Es gibt aber Momente, für die wir sagen können, dass wir in ihnen wirklich leben. Ein solcher Moment kann das Surfen sein: wenn wir die Gleitlinie in der Welle gefunden haben und Geschwindigkeit aufnehmen. Eine überraschend ausgeworfene Lippe stößt uns dann vom Brett und beendet diesen Moment. Auch nachher können wir sagen, dass wir in ihm gelebt haben. So gibt die Welle einem ein Stück Leben – und nimmt es wieder.

Surfen auf La Réunion_3

In einer Situation bekommt der Ich-Erzähler die Möglichkeit, seine Traumwelle zu surfen. Er schafft es aber nicht. Einer seiner Freunde beobachtet ihn und sagt ihm, dass er die Welle eigentlich gar nicht surfen will, dass er sich nicht für die Welle entschieden hat. Glaubst du, jemand kann merken, ob man wirklich bereit für eine Welle ist?

Eine Welle kommt, baut sich auf, erfasst dich – und innerhalb eines Sekundenbruchteils schaust du wie von einem Siebenmeterbrett hinab auf frei gelegte Korallenköpfe. Wenn du deine Entscheidung, die Welle zu surfen, davon abhängig machst, was sich dir offenbart, wirst du zögern, und wenn du zögerst, überlässt du dich der Welle. Die Welle macht etwas mit dir, statt dass du etwas mit der Welle machst. Jeder merkt, ob du bereit bist für eine Welle, denn wenn du bereit bist, zögerst du nicht.

Surfen auf La Réunion_8

Dein Protagonist verletzt sich an einem Korallenriff am Fuß und die Wunde entzündet sich gefährlich. Trotzdem geht er surfen, weil er die einmalige Chance hat, eine Wahnsinns-Welle zu surfen. Ist das eine autobiografische Passage? Und wenn ja, würdest du das wieder so machen?

Während meiner blutigen Anfänge habe ich mich sehr oft verletzt; ich habe meine Wunden reinigen und vernähen und Tetanus-Impfungen aktualisieren lassen müssen. Ich habe vorsorglich Antibiotika verschrieben bekommen. Ich habe mir neue Bretter kaufen und für die Beschädigung der Bretter anderer bezahlen müssen. Verletzungen und Schäden haben mit der Zeit abgenommen – sie bleiben aber Teil des Surfens. Wunden, die ich mir im Meer zuziehe, verheilen wesentlich langsamer als Wunden, die ich mir an Land zuziehe. Den Wunsch der Ärzte, erst wieder ins Wasser zu gehen, wenn sich eine Wunde ganz geschlossen hat, beherzige ich mittlerweile. In den Küstenbereichen von La Réunion tummeln sich viele Mikroben – auch Staphylokokken. Die regelmäßige Entzündung meiner Gehörgänge ist ein Zeichen dafür. Es ist besser, die eine oder andere Welle zu verpassen, statt das Risiko einzugehen, das Surfen insgesamt nicht mehr machen zu können.

Surfen auf La Réunion_5

Der Ich-Erzähler sagt, dass wir lernen müssen, unsere Wellen zu teilen, um Konflikte im Wasser zu vermeiden. Teilst du diese Meinung und hast du einen Rat für Locals und reisende Surfer?

Meine Empfehlung an reisende Surfer ist, die Regeln eines Surfspots in Erfahrung zu bringen, bevor es ins Wasser geht. Dabei bekommen sie Anschluss an die lokale Szene. Das kann sehr interessant sein und ist Teil des Reisens. Wichtig ist, immer den nötigen Respekt zu zeigen, denn das erwarten Locals.

Für Locals ist es legitim, einen Surfspot vor Anfängern und Touristen zu schützen, die das Surfen durch ihr unbedarftes Verhalten auch sehr gefährlich machen können. Es ist aber schade, guten Surfern die Möglichkeit zu nehmen, ihr Können zu zeigen. Auch ist es schade, wenn es nicht mehr darum geht, einen guten Surfspot zu schützen, sondern wenn das Einschüchtern von Fremden plötzlich Freude macht. Dann verliert man die Größe, die man für das Surfen haben sollte.

Du sprichst davon, dass es ein Privileg und Glück ist, Surfer zu sein. Warum ist das so?

Auf La Réunion habe ich einen Fischer in seinem Boot gesehen. Ich habe gedacht, dass er Fischer geworden ist, weil er am Meer aufgewachsen ist. In Deutschland bin ich an einem Feld vorbeigegangen und habe einen Bauern gesehen. Vermutlich ist er Bauer geworden, weil er auf dem Land aufgewachsen ist. Vielleicht auch, weil seine Familie bereits in der Landwirtschaft tätig war und so weiter. Vieles in unserem Leben ist erst einmal vorbestimmt. Das kann man als Privileg oder Glück bezeichnen. Der Protagonist von „Im grünen Raum von Saint-Leu“ wuchs für einige Jahre auf La Réunion auf; der Surf-Sport gehört auf der Insel zu den Vorbestimmungen, man kann Surfen als Abiturfach wählen. Das ist Privileg und Glück. Wer das Surfen während des Aufwachsens erlernt, der wird immer ein sehr gutes Verständnis für das Meer und die Wellen mitbringen. Aus dem Glück wird ein Glücksgefühl, das einen sein ganzes Leben lang begleitet.

Surfen auf La Réunion_2

Eine letzte Frage! An einer Stelle im Roman sagt dein Erzähler, dass sein Surferleben seinem Leben in der Stadt Paris im Wege steht. Glaubst du selbst, dass man als Surfer gedanklich nie mehr vom Meer wegkommt?

Es wird immer Leidenschaften geben, sie sich einem in den Weg stellen. Ob es das Surfen ist, ob es die Fotografie ist, ob es das Meer ist. Es können immerwährende oder vorübergehende Leidenschaften sein, die einen davon abhalten, sein Leben so zu leben, wie es sich anbietet. Jeder muss sich die Frage stellen, wie er damit umgeht. Diese Frage habe ich mir mit meinem Roman gestellt. Es ist die Frage des Protagonisten, wie er sein Leben in La Réunion mit seiner Paparazzo-Existenz in Paris in Einklang bringt. Dazu fällt dem Protagonisten auch eine Antwort ein. Ohne dass ich das Ende des Romans verraten möchte, geht es darum, seine Leidenschaften in das tägliche Leben zu überführen: das eine will mit dem anderen in einen unbedingten Zusammenhang gebracht werden, statt parallel zu existieren oder sich gegenseitig zu behindern. Ein Surfer muss gedanklich nicht vom Meer wegkommen, wenn er zum Beispiel in Paris lebt: er kann die Poesie und die Kraft des Meers als einen Rohstoff in sich tragen und daraus ein Leben machen, das ihn selbst und andere inspiriert. Es ist ja möglich, den Menschen die Weite des Horizonts vor Augen zu führen, ohne dass da eine Weite oder ein Horizont ist.

Vielen Dank Peter für die schönen Worte! 

Weitere Infos zu seinem Buch erhaltet Ihr hier: http://goodtimesmag.de/surf-roman-peter-lenzyn/

& zu erwerben gibt es den Roman beim mitteldeutschen Verlag: http://www.mitteldeutscherverlag.de

Shopbanner